Frontalltag

Zwischen Stillstand und Kampf

Als die Soldaten 1914 in den Krieg zogen, dachten viele, dass es – so wie in vorausgegangenen Kriegen – eine kurze Offensive werden würde. Selbst der deutsche Kaiser Wilhelm II. hatte verkündet, dass die Soldaten an Weihnachten wieder zu Hause seien. Artikel und Gedichte stimmten auf einen baldigen Sieg ein. Dass ein kurzer Krieg illusorisch war, zeigte sich jedoch bereits nach den ersten Kriegswochen.

Alle Zeitungen berichteten in den ersten Kriegsmonaten in Text und Bild vom Alltag an der Front: Vom Leben in den Schützengräben, von Waffenübungen, von der Lebensmittelversorgung beispielsweise durch Feldbäckereien und -küchen und dem Erhalt der Feldpost. Fotografien vermittelten hauptsächlich das Bild vom Soldatenleben neben den Kampfhandlungen. Die Frontsoldaten wurden zu tapferen Helden stilisiert. Große Panoramen zeigten das „Soldat sein“ als ruhmreiche und ehrenvolle, teilweise sogar lustige Unternehmung. Diese Darstellungen schwanden mit den Schlachten von Verdun und an der Somme. Durch die Zensur wurden keine realistischen Kriegsfotografien abgedruckt, die ein Bild von der Gewalt und Härte des Krieges zeugten – der Beginn der modernen Kriegsberichterstattung.

Die Veröffentlichung von Feldpostbriefen stieß auf breites Interesse bei den Daheimgebliebenen und konnte im Sinne der Kriegspropaganda eingesetzt werden. In Tages- und Wochenzeitungen wurden Feldpostbriefe veröffentlicht, die teilweise von den Soldaten an die Zeitungen gesandt, zum Teil aber auch von den Angehörigen an die Zeitungen abgegeben wurden. Zu Beginn wurden Feldpostbriefe ohne Einschränkungen und Zensur abgedruckt, ab 1915 wurden sie geprüft und ggf. verändert. Im selben Jahr verbot das Militär den Soldaten sogar, Zeitungen Feldpostbriefe zum Abdruck zuzusenden. Entgegen dem zur Schau gestellten Optimismus der offiziellen Berichterstattung durch die Presse ging es den Soldaten immer schlechter. Tagelanger Beschuss, Tod, Invalidität und Gefangenschaft prägten den Frontalltag, wovon in der Presse nicht berichtet werden sollte. 1916 waren die Personalreserven bereits erschöpft, sodass die Tauglichkeitsgrade herabgesetzt und neue Truppen eingezogen werden mussten. Im Stellungskrieg wechselten sich Phasen vollständiger Untätigkeit mit tagelangen Kämpfen ab. Gerade die Realität des Frontalltags ließ sich aus den Feldpostbriefen lesen, durch die die Soldaten den Kontakt in die Heimat behielten. Neben den Briefen wurden auch Pakete an die Front verschickt, die Notwendiges oder Willkommenes wie Schokolade und Zigaretten enthielten. Gerade die Zeitungen warben bei den Daheimgebliebenen für den Versand der „Liebesgaben“.

Die Zeitungen publizierten in „Ehren-Tafeln“ die Auszeichnungen mit dem Eisernen Kreuz und auch die immer länger werdenden nummerierten Verlust- bzw. Vermisstenlisten. Durch Nennung von Rang, Titel und Regiment wurden die Opfer für ihre Angehörigen in der Heimat identifizierbar. In den Todesanzeigen mussten, auf Anordnung des Generalkommandos vom 16. August, die Bezeichnung der Truppenteile entfernt werden. Es war nicht gestattet, die Verlustlisten in vollem Umfang zu veröffentlichen. Darstellung von Kriegstod war durchgehend tabuisiert, allenfalls durch einzelne, zumeist geschmückte Gräber dargestellt.

Der Widerspruch zwischen der offiziellen Kriegspropaganda und der alltäglichen Wirklichkeit eines grausam geführten Krieges wurde an der Front als besonders eklatant empfunden. Bis 1918 herrschte eine Diskrepanz zwischen der Berichterstattung in den Zeitungen, die durchgängig von Siegen und Erfolgen an den Fronten berichteten und dem, was wirklich geschah. Die Zeitungsartikel beschönigten oder verschwiegen, welche Gräuel die Soldaten auf den Schlachtfeldern wirklich ausgesetzt waren. Bei Kriegsende 1918 hatten rund 9 Millionen Soldaten ihr Leben verloren. Schätzungsweise 2,7 Millionen physisch und psychisch versehrte Kriegsteilnehmer kehrten in ihre Heimat zurück.