Feindbild

Die Konstruktion des Fremden

„Jeder Stoß ein Franzos‘, jeder Tritt ein Brit, jeder Schuss ein Russ“ oder „Väterchen Zar, nimm Dich in acht, sonst wirst du zu Leberwurst gemacht“ – die Sprüche, die von den Soldaten mit Kreide auf die Zugwaggons geschrieben wurden und den Krieg verharmlosen, druckten verschiedene hessische Regionalzeitungen als „Soldatenhumor“ ab.

Bereits bestehende Vorurteile und Stereotype verdichteten sich im Ersten Weltkrieg zu Feindbildern. Dieser Prozess konnte durch gezielte Propaganda gelenkt werden und damit die öffentliche Meinung beeinflussen. Das Deutsche Reich nutzte die Presse als Hauptmedium, um diese Feindbilder zu konstruieren und politisch zu instrumentalisieren. Ziel der deutschen Propaganda war, die Feinde lächerlich zu machen und die eigene kulturelle Überlegenheit auszudrücken. Das positive Selbstbild des Deutschen Reiches wurde dem negativen Feindbild der Kriegsgegner kontrastierend gegenübergestellt. Feindbilder sollten die Gewalt der Soldaten rechtfertigen, d.h. konkret im Kontakt mit dem Gegner das Töten erleichtern und bei der Bevölkerung ein Zusammengehörigkeitsgefühl hervorrufen.

Fotostrecken der illustrierten Beilagen in den Regionalzeitungen zeigten „Unsere Feinde“ und betonten vor allem die nationalen und kulturellen Eigenheiten der Feindnationen Frankreich, England und Russland. Hierbei gab es Abstufungen in der Darstellung, so wurde zwischen dem westlichen und östlichen Feind nochmals unterschieden. Franzosen und Engländer wurden kulturell höherstehend angesehen als beispielsweise die Russen.

Den ausländischen Feinden schrieb die Presse diffamierende Attribute zu und stellte diese Stereotype in Karikaturen überspitzt dar, beispielsweise in Form ihrer nationalen Symbolfiguren: So verkörperte Germania das Deutsche Kaiserreich, Austria die Monarchie Österreich-Ungarn, John Bull stand für England, Marianne für Frankreich und Uncle Sam personifizierte die USA.